chinesische Kunst aus der Fabrik: Seide, Lack und Porzellan


chinesische Kunst aus der Fabrik: Seide, Lack und Porzellan
chinesische Kunst aus der Fabrik: Seide, Lack und Porzellan
 
Seide, Lack und Porzellan gehören zu den Produkten Chinas, die schon früh in großen Mengen und nicht nur für den heimischen Gebrauch hergestellt wurden. In China begann man - nach archäologischen Funden zu urteilen - schon zwischen 2850 und 2650 v. Chr., Seidenraupen auf Maulbeerbaumblättern züchteten und deren Kokonfäden zu spinnen. Diese Fäden erreichen eine Länge von 900 m, doch ihr Durchmesser bewegt sich nur zwischen 6 und 30 Tausendstel eines Millimeters. Zugfestigkeit und Elastizität sind beispiellos, aber eine enorme Menge Seide ist erforderlich, um ein Tuch zu weben. Ensprechend kompliziert und zeitaufwendig ist die Herstellung, aber das fertige Produkt ist wunderbar leicht und kühl, schimmernd und weich, und es lässt sich mit diversen Webtechniken und leuchtenden Farben noch weiter verschönern.
 
Die fundamentale Bedeutung der Seidentechnologie in China zeigt sich darin, dass Seidenballen als Währung dienten, das Wort für »Webstuhl« (ji) heute »Maschine« schlechthin bedeutet und das Wort »Gewebe« (wen) zu »Kultur« verallgemeinert wurde. Bereits in der Shang-Zeit stellten Manufakturen Seidenstoffe als Luxusartikel für die aristokratische Elite her. Während der Han-Dynastie florierte bereits eine Seidenindustrie in vielen Teilen des Reiches. In jeder Regierungsmanufaktur waren Hunderte von Arbeitern tätig. Sie leisteten Erstaunliches. Aus dem Grab der Prinzessin von Dai in Mawangdui (Provinz Hunan), die 168 gestorben war, kam ein 160 cm langes Untergewand zutage, das nur 48 Gramm wiegt.
 
Schon seit alters weckte das chinesische Hightechprodukt die Begehrlichkeit in anderen Teilen der Welt. Bereits im 6./5. Jahrhundert v. Chr. finden sich vereinzelt Seidenfragmente in Gräbern in Europa. Seit der Han-Dynastie wurde Seide in beträchtlichen Mengen über die »Seidenstraße« nach Westen transportiert bis nach Rom. Schon in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung wurde Rohseide auch in Palästina und Syrien verarbeitet. In Byzanz gelang es dann, eine eigene Seidenproduktion und einen Fernhandel mit Seide aufbauen. Wo immer es den Europäern gelang, Seide zu produzieren, trug dies zum Wohlstand der Region bei, sei es in Venedig, Florenz oder Lucca im 13. Jahrhundert, sei es in Lyon seit dem 16. Jahrhundert. Mit der Seidentechnologie lernten die Europäer von den Chinesen zugleich manches über arbeitsteilige Produktion und die Organisation von Manufakturen.
 
Lack wurde ebenfalls bereits in der Jungsteinzeit verarbeitet. Der Stoff wird in kleinen Mengen aus dem Saft des Lackbaumes gewonnen, der in tropischen und subtropischen Regionen wächst. Da Lack gegen Wasser, Hitze und auch Säure resistent ist, sich aber mit Farbe vermischen lässt, eignet er sich bestens zur Dekoration und zum Schutz von Oberflächen.
 
Die Lackproduktion ist ebenfalls sehr arbeitsintensiv und erfordert viele einzelne Arbeitsschritte. Über einem Kern aus Holz, Hanf oder anderem Material werden die Lackschichten eine nach der anderen aufgetragen. Jede Schicht ist nur den Bruchteil eines Millimeters dick und braucht zum Trocknen mehrere Tage. Unter der Han-Dynastie stellten staatliche Werkstätten die besten Lacke her, und zwar in erstaunlichen Mengen. Eine Schale des kaiserlichen Palast Changlegong aus dem Jahre 9 n. Chr. trägt die Seriennummer 1450-4000. Grabfunde zeigen, dass Lacke stets in Serien zusammengestellt waren. Sie umfassten eine bestimmte Anzahl von Schalen, Bechern und Tellern. Der Kaiser verschenkte das kostbare Tafelgeschirr als Zeichen seiner Gunst an Höflinge und Beamte. Sie konnten es bei Festmälern zur Schau stellen und damit ihren sozialen Status demonstrieren.
 
Wie begehrt die Lacke aus den kaiserlichen Manufakturen außerhalb der Grenzen Chinas waren, zeigen Grabfunde in der Mongolei, in Korea und im äußersten Süden des Reiches. Obwohl Lackgegenstände Luxusartikel darstellten, waren sie weit verbreitet, und einfache Stücke mögen sogar recht preiswert gewesen sein. Die Lacke erregten später auch Aufmerksamkeit in Europa und wurden bisweilen dorthin exportiert. Bekannt sind die lackierten Möbel und Stellschirme in Barockschlössern. Deren Zahl ist jedoch verschwindend gering im Vergleich zu einem anderen Hightechprodukt, das China entwickelt hatte und auf den europäischen Markt warf: Porzellan.
 
Von jeher hatten die Chinesen erstaunliche Dinge mit Keramik getan. Ihre Erfahrung im Arbeiten mit Ton erlaubte es ihnen bereits im Altertum, die komplizierten, äußerst präzise gearbeiteten Model für den Guss der Ritualbronzen anzufertigen. Auch die Terrakotta-Armee des Qin Shi Huangdi ist ein Triumph der Keramiktechnologie. Die Krönung jedoch war seit etwa dem 7. Jahrhundert n. Chr. die Entwicklung des Porzellans, einer hochgebrannten, harten, weißen und durchscheinenden Keramik. Im 14. Jahrhundert gelang es, beim Brand den Dekor zu erhalten, der unter der Glasur mit Kobaltoxid aufgemalt war. Dieses Blau-Weiß-Porzellan wurde zum weltweit erfolgreichsten Keramiktyp überhaupt.
 
Die Stadt Jingdezhen in der Provinz Jiangxi war die Porzellanmetropole Chinas. Im Jahr 1577 bestellte der Palast dort 174 700 Stück. Heute werden in dieser Stadt täglich über eine Million Stück Porzellan produziert.
 
Als im 17. Jahrhundert der interkontinentale Handel einsetzte, war China gerüstet, um die Welt mit Porzellan zu versorgen. Die Kombination von Qualität und Quantität, die Fähigkeit, Serien von technisch hochwertigen Stücken in fast beliebiger Menge herstellen zu können, sicherte den Chinesen die weltweite Überlegenheit im Exportgeschäft. Die Europäer waren vom Porzellan fasziniert: Es konnte nach Belieben geformt und variabel dekoriert werden, ließ sich nach Gebrauch leicht und gründlich reinigen, war hart und haltbar, glatt, glänzend weiß und durchscheinend wie ein Edelstein, und es war darüber hinaus auch noch billig.
 
Die Zahl der für den Export nach Europa hergestellten Stücke lässt sich anhand der erhaltenen Bestell- und Ladelisten schätzen. Mit ihrer ersten Bestellung im Jahr 1608 forderte die holländische Verenigde Oost Indische Compagnie 108 200 Stücke an. Als 1985 die Fracht der 1752 auf der Fahrt von Kanton nach Amsterdam gesunkenen »Geldermalsen« geborgen wurde, fand man in ihren Laderäumen über 150 000 Stück Porzellan. Der erhaltene Frachtbrief nennt unter anderem 63 623 Teetassen mit Untertassen, 19 535 Kaffeetassen mit Untertassen sowie 25 921 Spülschalen. In diesem Jahr kamen sechs Schiffe der Compagnie nach Kanton. Insgesamt dürften im 17. und 18. Jahrhundert mehrere hundert Millionen Stück chinesischen Porzellans nach Europa gelangt sein.
 
Zum ersten Mal erfuhren die Europäer, was Massenproduktion in China bedeutete. Um nicht nur Porzellan zu importieren, versuchten sie eine eigene Produktion aufzubauen. Der sächsische König und Kurfürst August der Starke befahl Georg Friedrich Boettcher, die Geheimnisse der Porzellanherstellung aufzudecken, was diesem 1709 auch gelang, unterstützt durch die Kaolinfunde in Sachsen. August gründete daraufhin die Manufaktur in Meißen. Manufakturen in anderen Ländern folgten. Die Chinesen kopierten nun ihrerseits europäische Produkte, oft in besserer technischer Qualität. Wiederum lernten die Europäer dabei viel von China über Arbeitsteilung, Qualitätskontrolle und über die industrielle Massenproduktion in Fabriken.
 
Prof. Dr. Lothar Ledderose
 
 
China, eine Wiege der Weltkultur. 5000 Jahre Erfindungen und Entdeckungen. Ausstellung des Roemer- und Pelizaeus-Museums vom 17. Juli bis 27. November 1994, herausgegeben von Arne Eggebrecht. Mainz 1994.
 Watson, William: China. Kunst und Kultur. Ins Deutsche übertragen von Ruth Herold u. a. Farbphotographien von Jean Mazenod u. a. Freiburg im Breisgau u. a. 21982.

Universal-Lexikon. 2012.

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